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Full text of "Ueber die Poesie des indischen Mittelalters: Vortrag gehalten in der Aula der Universität zu ..."

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Idie Poesie des indisclien Itelalters. 



gdlialti)!! in der Aula dpr Uiiivflrsitiit zu Dorpat, 
- (Ifiii -JU Pehriiar 1882 



Dr. L V. Schroeder. 



^ÜÄäJ;=^^ "^ 



Oorpit. 

K. J Karow'a UniTereittttsbachhandlnng. 
1882. 



Von der Ceasar grestattet. — Dorpat, den 3. März 1882. 



Druck von C. Ilattiesea. Dorpat. 1882. 









Hochverehrte Anwesende I 

Seit Jahrhunderten schon hat Indien, das ferne Land 
der Mährchen und der Wunder, auf die Phantasie der euro- 
päischen Völker eine mächtige Anziehungskraft ausgeübt. Das 
Land, aus welchem einst, wie man sagte^ schon S a 1 o m o 
Gold, Elfenbein und Sandelholz zum Baue seines Tempels 
kommen liess ; das Land, in dessen Grenzen der Welteroberer 
» Alexander seinen Zug hemmte, und von dessen Wundern 
dann griechische Schriftsteller Fabelhaftes zu berichten wussten ; 
das Land, von dessen geistigen Schätzen späterhin die A r a b e r 
so Manches dem Occident vermittelten, dessen reiche Erzeug- 
nisse schon früh auf Handelswegen nach Europa kamen, Kunde 
gebend von einer beglückten, üppigen Natur, — in dieses 
Land schweifte auch die Phantasie der christlichen Völker 
Europas mit besonderer Vorliebe, seit die Züge der Ritter 
zum Grabe des Erlösers ihnen die färben- und gestal- 
tenreiche Welt des, Orients aufgeschlossen. Insbesondere 
unter den Deutschen, den wanderlustigen und phantasiebegab- 
ten, blieben jene Erinnerungen wach, genährt durch einen 
Strom von Berichten und Erzählungen, die sich von dort übet* 
unser Land ergossen. Bis nach Indien hin liess man gerne 
die Ritter ihre abenteuerlichen Züge ausdehnen, und wenn von 
indischen Prinzen und Prinzessinnen die Rede war, dann 
konnte die Phantasie des Wunderbaren nicht genug ersinnen, 
dann konnte man die Pracht und Herrlichkeit jener Paläste 
und ihrer Bewohner nicht strahlend genug sich denken. 



^ 



ffif 



(irewaltigere Mächte liessen die ritterlich romantische 
Zeit des Mittelalters zu Ende gehen, mit der .Reformation 
brach Deutschland die Bahn zu einer neuen Zeit, um 
dann den kühnen Schritt schwer genug mit den Wehen des 
dreissigjührigen Krieges zu bezahlen. Als dann der Sturm 
sich beruhigt, langsam und allmählig die furchtbaren Wunden 
zu vernarben begannen, da blühte auch die Poesie in deut- 
schen Landen wieder auf. Aber obgleich die grössten Geister 
unserer .Nation in Anlehnung an die Antike Unvergängliches 
geschaffen, war doch tief im innersten Gemüthe des Volkes 
ein mächtiger. Trieb — der romantische — noch unbefriedigt 
geblieben. Er erwachte , — und obschon seine Vertreter an 
Genie und Charakter jenen classischen Heroen weit nachstan- 
den, obschon sie sich Fehler und Ausschreitungen aller 
Art zu Schulden kommen Hessen, so ward die Strömung doch 
immer mächtiger, eben weil sie einem tiefen Bedürfiiiss des 
deutschen Volkes entsprach. An den Ufern des neuentsprun- 
genen Stromes wuchsen die lieblichsten Blüthen auf, und von 
seinem Wasser nährten sich kräftige Bäume , die noch jetzt 
unser Stolz und unsre Freude sind, üeber dem Zauberwalde 
der deutschen Vergangenheit ging das Mondlicht auf und 
leuchtete zwischen den Stänmien der hohen dunklen Tannen 
oder spielte um die moosbedeckten Trümmer zerstörter Bur- 
gen. Aber weiter als in die Welt des deutschen Mittelalters 
führte jener Zug unsere Romantiker, — nach Frankreich, in 
die Provence, nach Spanien, nach Italien — und immer wei- 
teis in den Orient, und wie ein letztes Ziel auf dieser Fahrt 
steht wieder Indien da, das Land, dessen Wundern selbst die 
mangelhafte Kenntniss davon nur noch einen neuen geheim- 
nissvollen Beiz hinzufugen musste. Nach Indien zog die Phan- 
tasie auf ihren kühnsten Flügen, bei Indien verweilte der ro- 
mantische Genius mit besonderer Vorliebe. E9 war nicht allein 
die Hoffnung, die Urweisheit des Menschengeschlechtes, von 
welcher, zu Anfang des Jahrhunderts Manches gefabelt wurde, 
in Indien zu finden; nicht allein die überraschenden Enthül- 
lungen, die uns das Sanskrit über den Zusammenhang und die 



Abstammung der wichtigstea europäischen Culturvölker brachte ; 
vielmehr war es eine tiefe innere Wahlverwandtschaft, welche 
die Bomantiker nach Indien hinzog. Es beruht auf- keinem 
Zufall, dass die Stimmfährer der romantischen. Schule, die 
beiden Brüder Schlegel, das Sanskritstudiüm in Deutsch- 
land angeregt und begründet haben, und in der That, in 
Indien tritt uns eine Welt entgegen, die viel Verwandtschaft 
mit der romantischen Idealwelt bietet. In einer Natur, deren 
berückende Formen uns wähnen lassen, dass hier Traumhaftes 
zur WirklichkiBit geworden, blüht eine Welt, die uns in vielen 
' Stücken an die eigene Vergangenheit erinnert — mit einzelnen 
Steigerungen bis ins Maasslose und Ungeheuerliche hinaus — 
die Welt des indischen Mittelalters. 

Das indische Alterthum reicht weit höher hinauf als die 
Geschichte der meisten anderen Völker ; die älteste Zeit, die 
sogenannte vedische Periode, dürfen wir nach massigen An- 
nahmen bis 1500, ja 2000 Jahre vor Chr. hinaufrücken. 
Entsprechend dem hohen Alter dieser ersten Epoche beginnt 
nun auch diejenige Zeit, welche ich als indisches Mittelalter 
bezeichnet habe, weit früher als das uns Allen wohlbekannte 
europäische Mittelalter, nämlich c. 600 — 700 J. vor Chr., 
d. h. also etwa 1000 Jahre "früher als in Europa, Diese Zeit, 
die am meisten für Indien charakteristische, dauert c. 2000 
Jahre, also weit länger als das europäische Mittelalter. In 
Indien sass das Mittelalter weit tiefer in der Denk- und 
Empfindungsweise dos Volkes fest als in Europa, und eine neue 
Zeit können wir erst seit den Invasionen und Colonisationen 
fremder Völker datiren, d. h. etwa seit dem Beginn des 
sochzehnten Jahrhunderts, zu welcher Zeit ja auch in Europa 
die neue Aera ihren Anfang nimmt. 

In der ältesten vedischen Zeit lebten die Inder im Westen 
im sogenannten Pendschab, dem Lande des Indus und seiner 
fünf Ströme. Die staatlichen und socialen Verhältniss(? dieser 
Periode erinnern uns in vielen Beziehungen lel)haft an die 
Zustände, wie sie Tacitus bei den alten Germanen schildert. 
Damals waren die Inder ein frisches urwüchsiges Geschlecht, 



• - 



bei dem sowohl das religiöse Empfinden als auch die Auflas- 
sung der Natur einen gesunden und tüchtigen Charakter ver- 
rathen. Das Volk zerfiel in eine ganze Reihe von Stämmen 
und Gauen, die ihren Fürsten oder Herzögen Heeresfolge lei- 
steten, ohne dass darum die Volks- oder Gemeindeversamm- 
lung bedeutungslos gewesen. Noch gab es keine grosseD 
Städte, man lebte in Dörfern und Weilern, von Viehzucht 
und Ackerbau sich nährend. Noch gab es keine Hierarchie^ 
keine strenge Kastengliederung, keinen Glauben an eine See- 
lenwanderung u. dgl. Einfach, naiv und gesund ist fast Alles, 
was uns hier entgegentritt.. 

Aber unternehmungslustige Stämme drangen aus dem 
Lande der fünf Ströme nach Osten vor und setzten sich zwi- 
schen dem Ganges und der Jamunä, im Gebiete der Sarasvaü 
und Drischadvati fest. Hier beginnen nun die Verhältnisse 
sich allmählich ganz umzugestalten ; die Priester gewimien 
immer mehr an Einfluss und Macht, bis sie zuletzt zum ober- 
sten, herrschenden Stande geworden sind ; nach ihren Xdeeen 
und Anschauungen gestaltet sich dann auch der ganze, übrige 
Staat ; die Cultur hebt und verfeinert sich nach den verschie- 
densten Richtungen, und das Resultat dieser Ent^vickelung ist 
das indische Mittelalter* 

Suchen wir nun diese Periode in ihren Grundzügen zu 
charakterisiren, so springt vor allen Dingen das ungeheure 
üebefwiegen des priesterlichen Einflusses, 
die Priesterherrschaft in die Augen, welche dem 
ganzen Staatswesen das charakteristische Gepräge giebt. Was 
Papst und Geistlichkeit im Mittelalter energisch anstrebten, 
die bedingungslose Unterwerfung der Könige und Krieger 
unter die geistliche Oberhoheit, — in Indieh ist es wirklich 
erreicht worden. Die Priester stehen da als eine Kaste, die 
von Natur schon den Fürsten übergeordnet ist. Ja, die Brah- 
manen sind leibhaftige Götter auf Erden, sagt schon der 
Jadßchurveda an mehreren Stellen. Kein höheres Lob giebt 
es für die Könige, als wenn sie die Brahmanen ehren, ihren 
Wünschen und Zwecken sich willig unterordnen; kein schwe- 



reres Vergehen, als den Brahmanen unachtsam oder gar 
feindselig zu behandeln, lieber die arme Sakuntala bricht doch 
das ganze Unglück, der Fluch des Heiligen, nur darum herein, 
weil sie, in ihren Liebestraum versunken, das Nahen des 
Brahmanen nicht bemerkt und ihm die gebührende Ehre nicht 
erwiesen. Die Kriegszüge und Thaten haben nur dann wah- 
ren Werth und sind würdig im Liede gefeiert zu werden, 
wenn sie den heiligen Zwecken dienen. Die ganze Auf- 
fassung des Lebens ist eine mittelalterliche ; Alles 
ist gerichtet auf das Heilige und Himmlische ; Erlangung der 
Heiligkeit steht obenan als höchstes Ziel; Vertrautheit mit 
den heiligen Büchern, Bezähmung der Sinne, eifriges Fasten- 
halten und Bassübungen sind höchste Tugenden auch für Krie- 
ger und Fürsten. Vor dem beständig auf das Ewige und 
Unendliche gerichteten Blick verschwindet dies Leben, ver- 
schwindet die Zeit vollständig wie etwas Geringes und Be- 
deutungsloses, und hier liegt der tiefere Grund, weswegen die 
Inder, die in der Grammatik und anderen Wissenschaften *so 
peinlich genau und gründlich sind, absolut keine zuverlässige 
Chronologie haben. — Mächtig wirkt in dieser Welt der Be- 
grifl' der Sünde; alles Leid und Ungemach,, das den Men- 
schen trifft, wird als gerechte Strafe för einst begangenes 
Unrecht angesehen, und da das Leben des Einzelnen hier oft 
nur ungenügende Erklärung und Begründung bietet, so ver- 
legt man die Schuld in eine frühere Existenz ; der Glaube an 
eine Wanderung der Seelen durch unendlich viele Leiber (od. 
Existenzen) ist hier zum unerschütterlich festen Dogma ge- 
worden ; er soll das Unerklärliche erklären, für die scheinbare 
Ungerechtigkeit in den Schicksalen der einzelnen Menschen 
die Begründung geben. So Manches, was der christliche 
Glaube für eine Folge der Erbsünde erklärt, wird hier 
als Folge eigner Sünden in einer früheren Geburt gefasst. — 
Um von seinen Sünden und Schwächen sich zu läutern^ nimmt 
der Mensch zur B u s s e , zur A s k e s e , der Peinigung des 
eigenen Leibes seine Zuflucht. Derselbe Trieb .rief bekannt- 
lich im christlichen Mittelalter ähnliche Erscheinungen hervor ; 



U,'- 



aber dasselbe wird von den Indern mit ihren oft ganz maass- 
losen Kasteiungen weit überboten. Durch solch fiirchtbar 
asketische Busse glaubte man nun auch Ausserordentliches 
zu erreichen. Der Büsser konnte zuletzt übernatürliche Kräfte 
erlangen, er verrichtet oft das Unglaublichste nach seinem 
Belieben; Wunder und Zeichen gehen von ihm aus gleichwie 
Ton den Heiligen der mittelalterlichen Kirche ; ja er übt schliess- 
lich geradezu Zauberkünste ; und in der That werden wir in 
den indischen Zauberern und Hexenmeistern, von 
denen so manche Mähr ins Abendland sich fortpflanzte und 
die der romantischen Dichtung wiederholt willkommene Ge- 
stalten darboten, trotz mancher Verwandlung doch eben diese 
übermächtigen weisen Büsser und Heiligen wieder- 
erkennen. 

Ein Moment, dass uns ferner merkwürdig ' an unser 
christliches Mittelalter erinnert, ist das ausgebildete Ein- 
siedlerwesen. Der verirrte Wanderer trifft zu seinem, 
Staunen mitten im Walde fromme Männer, die dort als E i n - 
Siedler leben, nur dem Gebet und der B e s c h a u u n g 
hingegeben. Aber auch in diesem Punkte überbot das . indi- 
sche Mittelalter das christliche, indem es von jedem Haus- 
vater verlangte, dass er im höheren Alter ein Waldeinsiedler 
(vanaprastha) werden sollte. In mehreren Secten, die sich 
vom Brahmanenthum loslösten, insbesondere in der buddhi- 
stischen, welche längere Zeit in Indien die grösste Macht 
hatte, finden wir ein ausgebildetes Mö nchswesen, Klö- 
ster für Mönche und Nonnen, Bettelmönche 
und Predigermönche, ganz wie im christlichen Mit- 
telalter ; nur dass hioi- auch dies Princip wieder auf die 
Spitze getrieben wird, indem . eigentlich nur die Mönche und 
Nonnen vollgültige Glieder der kirchlichen Gemeinschaft sind. 
Bei den Buddhisten finden wir auch Keliquien Vereh- 
rung, Rosenkränze u. dgl. 

Im vedischen Zeitalter gab es k e i n e Tempel und 
Götterbilder; unter freiem Himmel, auf kunstlosem Altar 
entzündete man das heilige Feuer. Im indischen Mittelalter da- 



ß^ 



. :Vi 



gegen finden wir die gewaltigsten Tempelbauten, 
geschmückt mit unzähligen Götter- und Heiligen- 
bildern; gerade wie sich auch das christlich-gennanische 
Mittelalter mit seinen Munstern und ihrem Bilderschmuclc 
von dem germanischen Alterthum unterscheidet, wo ein hei- 
liger Platz im Walde der Andacht genügen musste. 

WiedeiTun im Gegensatz zur vedischen Zeit ist im indi- 
schen Mittelalter eine scharfe Gliederung der ein- 
zelnen Stände in Kasten eingetreten; die Priester, die 
Könige und Krieger, die Gewerbtreibenden und die unterste 
Classe, die sog. ^udra's, sind streng von einander geschieden. 
Auch in unserem Mittelalter bieten die Geistlichkeit, der 
ritterliche Adel, die städtischen Zünfte und das Landvolk eine 
schärfere Gliederung als dies vorher und nachher der Fall ist ; 
nur ist auch hier wieder der indisch-mittelalterliche Staat 
viel weiter, ja fast bis zur äussersteh Consequenz vorgegangen. 

Die Poesie, die diesem Boden entsprossen und diese 
Welt uns vor Augen fuhrt, trägt nun auch deutlich die ro- 
mantischen Züge. Das traumhafte und phantasti- 
sche Element, das Mährchenhafte, die grosse Rolle, 
welche Wunder und Zauber aller Art hier spielen, lassen 
uns" alsbald empfinden, dass wir das Eeich der Eomantik be- 
treten haben ; das schwärmerische Element, das 
sich einerseits in den Handlungen der äussersten, sich ganz 
hingebenden und aufopfernden Liebe offenbart, 
andererseits in den oft allzu weit gehenden Kasteiungen, 
der Flucht vor dieser Welt und völligen Hingabe 
an das'ü eher irdische; eine wunderbai-e Innigkeit 
und Tiefe der Empfindung und des Denkens, die die rei- 
zendsten Blüthen der Poesie hervorsprossen Jässt; daneben 
wieder nicht selten Ma;.asslosigkeit und Formlosig- 
keit — alles . gerade romantische Eigenheiten , die hier 
wiederholt ins äusserste Extrem getrieben werden. Neben der 
Lie V ist es vor Allem die Natur, die hier gefeiert wird ; 
hier finden wir die glühendsten S c )i i 1 d e r u n g e n , 
die unmittelbar wie Zauberträume der Romantik erscheinen 



10 



wollen, und dann wieder eine stille, sinnvolle, innige 
Versenkung in die Natur mit ihren Wundern, wie sie 
dem classischen Alterthum vollkommen fremd ist. 

All diese Züge lassen uns diese Poesie- in ihren besseren 
Produkten Wf?it leichter mit .unserem modernen Empfinden 
auffassen als die klassische; das Romantische steht uns 
eben weit näher als das Antike. 

In der ältesten Zeit, der vedischen Epoche, hatten die 
Inder nur eine Dichtungsart in reichem Maasse ausgebildet ; 
es ist dies die lyrische Poesie und zwar speciell die religiöse 
Hymnendichtung. In den späteren Jahrhunderten dieser "Zeit 
entwickelt sich ferner — in den Jadschurveden und Brähmana's — 
eine prieBterliche Prosa, deren Hauptinhalt die Darstellung des 
Opfers ist. Hier finden sich wiederholt kleine Legenden und 
Geschichten eingestreut, aber doch so wenig hervortretend, dass 
wir von einer eigentlichen erzählenden Dichtungsgattung kaum 
reden können. 

Jetzt aber , in der Zeit des Mittelalters , beginnen alle 
Gattungen der Poesie in reichem Maasse aufzublühen, in erster 
Linie die epische Dd c h t u n g , die , in üppigstem Eeich- 
thum emporgeschossen, uns schon ganz den brahmanisirten 
indischen Staat vor Augen führt und von den' priesterlichen 
Heeen beherrscht und durchdrungen ist. Aber es sind uns 
hier auch Erinnerungen an eine Mhere Zeit noch aufbewahrt. 
Jene Zeit, als die Inder aus dem Pendschab in das Thal des 
Ganges und der Jamunä zogen und sich dort festsetzten, sie 
brachte Eroberungskämpfe mit sich, Kämpfe der einzelnen 
Stämme , der Fürsten und edlen Geschlechter unter einander. 
Die allmählich sich bildende neue Ordnung der Dinge, das 
Erstarken des Priesterstandes , der allmählich die Herrschaft 
gewinnt, rief^Conflicte und Streitigkeiten der ernstesten Art 
hervor. Denn es kann keinem Zweifel unterliegen, dass nicht 
alle die streitbaren Krieger und Könige ohne Kampf den 
immer mehr hervortretenden Ansprüchen der Brahmanen .sich 
fügten , und Streitigkeiten mit denjenigen Stämmen und 
Fürsten, die sich der Priesterherrschaft willig unterordneten, 



H 

mussten dk nothwendige Folge sein. Manche Züge der epi- 
schen Dichtung lassen uns, wie schon früh bedeutende For- 
scher eikannt haben, jene üebergangszeit aus dem Alterthinn 
in das Mittelalter erkennen ; aber sie sind verdunkelt , denn 
die spätere brahmanische Ansch^^uung duldete keine andre 
Auffassung, als die, dass diese priesterliche Ordnung der 
Dinge seit Anbeginn der Welt bestanden, und nur wie durch 
einen Flor vermag das Auge des Forschers hier den wahren 
Thatbestand herauszulesen. 

Gross und bedeutend in mehr als einer Hinsicht sind 
diese epischen Schöpfungen der brahmanischen Periode. Das 
Mahäbhärata insbesondere , mit seinem riesenhaften Um- 
fang, seinem phantastisch verschlungenen Gefüge, seinen oft 
störenden und hemmenden,* oft überraschenden und entzücken- 
den Episoden, muthtt uns an wie ein gewaltiger Urwald, in 
dessen geheimnissvollem Halbdunkel wir oft sehen den Pfad 
verloren zu haben fürchten, in dem wir oft lange mühsam 
uns hindurcharbeiten über gestürzte Baumstänmie, durch 
verschlungene Lianen und dorniges Astwerk, bis uns endlich 
wieder ein Merkzeichen an einem der ragenden Baumstäname 
darüber belehrt, dass wir uns doch in der Eichtung auf das 
gewünschte Ziel hin befinden ; ein Urwald , in dem uns plötz- 
lich die reizendste Lidbitung überrascht , wo in weltvergessener 
Einsamkeit die reichsten Blüthen und Wunderblumen am 
Ufer eines spiegelklaren Wassers blühen , wo muntre Thier- 
stimmen ertönen und süsser Gesang, wo an verschwiegener 
Stelle wir ein weiches Ntst gewahren, das bunte Vögel der 
Wildniss hier sich erbaut zu stillem süssem Glück; ein Ur- 
wald , wo wir nach langer Wanderung urplötzlich wieder eine 
Einsiedelei vor uns sehen , aus welcher uns ein milder freund- 
licher Greis Entgegen tritt, der uns mit Sprüchen der Weis- 
heit, mit wundersam tiefsinnigen Gedanken über Gott, Natur 
und Menschenleben unterhält. 

Das Mahäbhärata, welches uns für so manche 
Maasslosigkeit und 'Phantasterei wieder durch die reizendsten 
Schönheiten und wunderbaren Tiefsinn entschädigt, von dem 



12 



man sich wohl bisweilen ermüdet oder unwillig abwenden mag, 
mit dem man sich aber doch immer wieder versöhnen muss, 
— dieses Mahäbhärata erzählt uns von den Kämpfen 
der Kuiii-Söhne mit den Pänduiden, zweier mit einander nah- 
verwandter Fürstengeschleqhter, deren Heimath Kurukschetra 
gerade in jenem Landstrich zu suchen ist, wo sich zuerst der 
mittelalterlich brahmanisirte Staat erhob, nämlich im Strom- 
gebiete der, Sarasvati und Drischadvati, am obem Laufe des 
Ganges und der Jamunä. Aus der Erzählung dieser viel ver- 
schlungenen Kämpfe heben sich nun eine Beihe bemerkens- 
werther Episoden ab. So die interessante Erzählung von der 
Sintfluth, die uns gemahnt wie eine Erinnerung aus ururalter Zeit. 
Manu, ein frommer König und Weiser der Vorzeit, der 
gewaltige Busse übt, rettet einena Fische das Leben und zum 
Dank dafür bereitet ihn dieser auf das Nahen einer gewaltigen 
Wasserfluth vor, die Alles überschwemmen werde. Er befiehlt 
ihm an, ein festes Schilf zu bauen und allerlei Saamen darin 
zu sammeln. Manu gehorcht,, und wie die Fluth wirklich ein- 
tritt, wird er durch sein Schiff, das der Fisch an einem Seile 
zieht, gerettet. Nachdem er viele Jahre so herumgefahren, 
landet er auf dem Gipfel des Himalaja. Die Fluth verläuft, 
und Manu lässt nun auf der Erde neues Leben sprossen. Der 
Fisch aber war Brahma selbst gewesen. 

, Von höchster Schönheit ist die Erzählung von N a 1 
und Damajanti, die auch nur eine Episode des grossen 
Maliäbhärata bildet und durch Rückerts üebersetzung weit 
verbreitet ist, so dass ich sie wohl als bekannt voraussetzen 
darf. Hier finden -wir uns ganz in einer romantischen Mähr- 
chenwelt, wo Wunder und Zauber aller Art walten, wo die 
Phantasie sich die kühnsten Flüge erlaubt, und doch wieder 
Alles in die wunderbarste Schönheit getaucht, vori dem zartesten 
poetischen Dufte umflossen ist ; hier blühen wunderbar schöne 
Blumen, aber die reizendste von allen ist doch ein Frauenge- 
müth, wie es schöni^r nie ein Dichterherz . ersonnen. Nicht 
übertrieben war darum das Urtheil A. W. Schlegel's. 
dass dieses Gedicht „an Pathos und Ethos, an hinreissender 



föewalt der Lciiienschaft-fD wie an Hoheit und Zartheit der 
Gesinnungen schwerlich übertrott'en werden könne". 

Weniger weit bekannt, aber ebenJaUs sehr scliöii ist eine 
andre Kpieode, in welcher auch die Frauentreue verherrlicht wijd. 
Sä vi tri. die reizgtJsdimSckte , bewunderte Königs- 
liwcbter, hat ewen armen aber edluii Jüngling Satjavän, den 
fchn eines blinden, vertriebenen Kfinigs, zum Gemahle gewählt. 
Aber der heilige Närada verkündet. daMS es dem Satjavän 
bf stimmt sei, gerade nach einem Jahre schon zu sterben. Der 
Vater sacht darum Sävitri zu überreden, daas sie von dieser 
Wahl ablasse, aber sie bleibt fest bei ihrem Entschlüsse, was 
auch dem Erwählten ihres Herzens bevorstehen möge. Der 
beglückende Bund wird gesiSilossen, imd das Einzige, was in 
Sävitri'fi reines Glück einen Schatten wirft, ist die heimliche 
Sorge nm den Qatten, die sie stillverschwiegen mit sieh her- 
rantragt. Wie das, Jahr hingeht und der gelährliche T^ 
herannaht, sucht Sävitri mit Gebet, Fasten und strenger Buaa- 
übung dem Himmel den Geliebten abzuringen. An dem ver- 
hängnisavoUen Tage will IJatjavän in dsn Wald gehen und 
Sävitri, obschon die .Pasten sie erschöpft haben, besteht dar- 
auf, ihn zu begleiten. Sie sammeln Waldfrüchte und Satjavän 
spaltet Holz. Da wird ihm krank und elend zu Muthe, er 
. muss sich niederlegen und Sävitri nimmt sein Haupt in ihren 
I Schoos». Da erscheint ein Mann von schreckenerregendem 
Aussehen, in rothem Gewände, schwarz, gelb und rothäugig, 
in der Hand einen Strick — es ist Jama, der Todesgott. Er 
giebt sich Sävitri zu erkennen, zieht die Seele aus dem Leibe 
des Satjavän und schreitet fort, gen Süden gewandt. Sävitri 
aber folgt ihm beständig nach. Da wendet er sich um und 
spricht zu ihr: „Kehr um, Sävitri! du bist nun deinem Gatten 
weit genug gefolgt 1 Geh. seine Leiche ku bestatte.n!" Aber 
Sävitri erwidert : „Wohin mein Gatte geht, wohin er geführt 
wird, dahin gehe ich auch mit ihm , das ist meine ewige 
Pflicht. Um meiner Liebe und um der Busse willen, die ich 
Lüiat, nm deiner Gnade willen verwehre mir nicht diesen 
Idang!" Gerührt von solcher Gattentreue gestattet ihr der 



14 

Todesgott, eine Gnade zu wählen — doch ausgenommen ihres 
Gatten Leben. Da bittet sie, dass der Vater ihres Gemahls, 
ßev schon lange blind gewesen, sein Augenlicht wiedererlange. 
Der Todesgott gewährt es ihr, ermahnt sie aber, nun endlich 
umzukehren, da ihre Kräfte vor Ermüdung schon zu Ende 
gingen. Sie aber ernridert : „Wie sollte ich Müdigkeit fühlen 
in meines Gatten Nähe?" und sie spricht so edel und schön, 
dass ihr der Gott abermals eine' Gnade gewährt, — nur aus- 
genommen ihres Gatten Leben. Sie wählt, es möge das ver- 
lorene Eeich dem Vater ihres Gatten wiedergegeben werden. 
Es wird gewährt, und dasselbe wiederholt sich nun noch mehr- 
mals. Immer wieder dringt der Todesgott in sie, endlich 
heimzukehren, und immer weiss Sie etwas zu ei'widern, was 
ihn zuletzt rührt und. erfreut. „Du bist schon einen weiten 
Weg gegangen, Fürstentochter!" spricht er zu ihr. „Nicht 
weit ist dies, in meines Gatten Nähe, denn weiter eilt mein 
Herz!" Sie fleht ihn an um Mild«, sie huldigt ihm, sie 
weiss auch Schmeichelworte zu finden und verherrlicht ihn, 
bis er ihr dann wieder eine Gnade gewährt — doch immer 
ausgenommen ihres Gatten Leben. Aber sie wird nicht ab- 
geschreckt, sie lässt nicht nach, sie findet äie schönsten und 
rührendsten Worte, sie schildert, wie die Guten handeln 
müssen, was ihre Pflicht und Aufgabe ist; sie weiss es so 
beredt^ so hinreissend zu schildern, dass der Fürst des Todes 
endlich, bezaubert von ihrem Wort, ihr eine neue Gnade ge- 
währt und es vergisst , das Leben des Gatten auszunehmen. 
Da jubelt si« auf: „So lebe Satjavän! Jetzt musst du mir's 
gewähren!" Und er gewährt es ihr, sie hat.es eiTeicht, der 
Bann ist gebrochen, sie hat dem flüstern Todesgott den Ge- 
liebten abgerungen. Kührend ist noch der Schluss der Epi- 
sode, wie sie zurückkehrt zu dem Leibe ihres Gatten, wie sie 
den Erwachenden, der einen bösen Traum gehabt zu haben 
wähnt, zärtlich umfängt und tröstet, wie sie den nur langsam 
sich Erholenden muthig stützt und durch den nächtlichen Wald 
»ach Hause geleitet, — es ist Alles schön gedacht und geschildert. 
Aber der vielseitige ßeichthum dieses gewaltigen Ma- 



15 

häbhärata bietet uns auch Schätze, die nacb ganz andern 
Seiten hin unsre Bewunderung erregen. Ich hebe von all 
diesem nur noch die gedankentiefe, philosophische Episode 
hervor, die den Namen Bhagavadgitä trägt und in Eu- 
ropa schon früh, insbesondere durch Schlegel und Humboldt, 
berühmt geworden ist. Es ist dies ein Gedicht, das in herr- 
lichen schwungvollen Versen die erhabensten philosophischen 
Ideeen vorträgt und so das Muster eines philosophischen Ge- 
dichtes bildet, in dem der poetische Schwung und die philo- 
sophische Tiefe, beide gleich vollendet und aufs Engste ver- 
bunden, sich gegenseitig in ihrer Wirkung lieben und steigern. 
Wie der Geisl? und die Natur sich gegenüberstehen, streng zu 
unterscheiden in ihrem Wesen ; der Geist einfach, ewig und 
unvergänglich, die Körperwelt zusammengesetzt und vergäng- 
lich; wie das höchste Wesen, die ewige Gottheit, aus der wir 
Alle stammen und zu der wir wieder zurück kehren sollen, 
überall in der Welt wirkt und waltet; wie wir über die 
höchsten Fragen, über Sein und Nichtsein und über des 
Lebens wahren Werth zu denken haben; wie wir in allen 
Geschöpfen uns selbst sehen sollen und wie wir handeln sollen 
nach unsrer Pflicht, ohne Eücksicht auf weiter« Folgen — 
dies Alles und weit mehr noch verkündet die Bhagavadgitä 
in begeisterten Worten, mit immer neuen Gesichtspunkten 
Wendungen und Bildern. Und wie phantastisch wieder ist die 
Einfügung dieses Gedichtes in unser Epos ! Krischna, eine In- 
camation des höchsten Gottes Vischnu selbst, trägt es dem 
Pänduiden Ardschuna vor, als dieser im Angesichte des feind- 
lichen Heeres vorzugehen zaudert, weil er in den Reihen der 
Feinde seine nahen Verwandten, die Söhne Dhritaräschtra's 
vor sich erblickt; er trägt es ihm vor, um ihn über sein 
Wesen, seine Bestimmung und seine Pflicht zu belehren. 

Neben dem Mahäbhärata steht das zweite grosse Epos 
der Inder, das Rämäjana, von dem in dem Gedichte selbst 
geweissagt wird : 

^So lange die Gebirge stehu und Flüsse auf der Erde sind. 
So lange wird im Menschenmund fortleben das Rämäjana." 



16 



Es ist uns in dem Rämäjana, den Thaten und Aben- 
teuern des Eama, wohl eine Erinnerung an die Eroberungen 
im Süden, die bis nach Ceylon vprdrangen, aufbewahrt. Höchst 
charakteristisch für die im mittelalterlich brahmanisirten Staat 
geltende;! Anschauungen ist die ins Phantastisch - Ungeheuer- 
liche übertriebene Episode von Vi9vämitra, jenem Könige, der 
durch ein* kleines Gedicht von Heine eine gewisse Berühmtheit 
erlangt hat. König Vi9vämitra.J)esucht den heiligen Vasischta, 
der eine wunderbare Kuh besitzt , die ihm alle möglichen 
Wünsche alsbald zu erfüllen im Stande ist. Diese Kuh wünscht 
Vifvämitra zu erlangen, aber alle seine Bemühungen sind er- 
folglos. Da braucht er Gewalt und raubt dif) Kuh. Aber 
diese wird wild, tödtet ihm eine Menge seiner Krieger und 
kehrt zu dem heiligen Vasischta zurück. Auch die göttlichen 
Geschosse, die er von Indra nach langen Bussübungen erlangt, 
bleiben fruchtlos, weil der Heilige sie bloss durch seinen 
Brahmanenstab. abwehrt. Da fasst der König den Entschluss, 
sich durch Bussübungen zum Brahmanen aufzubüssen. Nachdem 
er tausend Jahre lang gebüsst, verleiht ihm Brahma selbst 
den Titel eines königlichen Weisen. Aber dies befriedigt ihn 
noch nicht ; er büsst weitere tausend Jahre ; da nennt ihn 
Brahma den Besten der Weisen. So büsst er auf verschiedene 
Art noch mehrere tausend Jahre, enthält sich endlich sogar 
tausend Jahre des Athmens, bis Dampf aus seinem Haupte 
bricht, alle Welten von Schrecken eirfasst werden, und die 
niederen Gottheiten selbst den Brahma anflehen, endlich des 
Vifvämitra Wunsch zu erfüllen. So wird er denn wirklich 
in den Brahmanenrang erhoben, vergisst die Rache und ver- 
söhnt sich mit Vasischta. So übermenschliche Büssung war 
also nöthig, um aus dem Könige endlich einen Priester wer- 
den zu lassen ; so unendlich viel höher steht nach dieser Auf- 
fassung der Priester. 

Und neben den grosseh Heldengedichten, — welch einen 
Eeichthum epischer Dichtung finden wir da noch auf anderen 
Gebieten, so vor Allem die Literatur der Mährchen und 
Fabeln, wie sie namentlich im Pantschatantra und Hitopa- 



17 



de^a, in der Yetälapantschayinfati und ^ukasaptati, sowie im 
Eathäsiaritsägara niedergelegt ist. Schon im Mittelalter sind 
viele dieser Mährefaen auf y«rsdnedenen Wegen nach Europa 
gewandert, wie dies insbesondere von Theodor Benfey darge- 
legt worden ist. 

Ich übergehe, was sich hier noch weiter über Sagen, 
Legenden und Parabeln bemerken liesse, ich übergehe auch 
die sehr reichhaltige Eeflexionspoesie , die Sprüche der Le- 
bensweisheit, um mich der lyrischen Poesie des indischen 
Mittelalters zuzuwenden. 

Wie in unserem christlich-germanischen Mittelalter neben 
dem Heldengedicht von den Nibelungen, neben dem gleich- 
sam von religiöser Weihe verklärten Epos eines Wolfram von 
Eschenbach die reizendste Lyrik aufsprosste , die Minneljist 
und Maienglück in vollen, melodischen Tönen besang, so 
finden wir auch in Indien neben den mittelalterlichen Epen 
die firotik reich erblüht ; in beiden wird neben der Liebe vor 
Allem die Natur gefeiert, beide bewegen sich in einem ge- 
wissen beschränkten Kreise, wo bestinmite Bilder, Anschauun- 
gen und Wendungen häufig wiederkehren, — damit aber ist 
auch die Aehnlichkeit schon fast zu Ende, denn im üebrigen 
unterscheidet sich der deutsche Minnesang von der indischen 
Liebespoesie ebensoweit, wie die deutsche Wiese und der deut- 
sche Wald mit seinen Vögelein von der tropisch-üppigen 
Vegetation Indiens mit ihren farbenprächtigen geflügelten Be- 
wohnern. Es athmet hier ein« Sinnlichkeit, die das Maass des 
bei uns Erlaubten oft genug überschreitet; denn wie der 
Inder in Busse und Askese bis ins Maasslose geht, so thut 
er es auch hier nach der entgegengesetzten Richtung hin. 
Aber wenn wir auch dies Alles wegschneiden, so bleibt doch 
noch Vieles übrig, woran wir wahrhaft unsre Freude haben 
können. 

Die Inder pflegen ihre lyrischen Emipfindungen ebenso 
wie die reflectirenden Gedanken in der Regel in kurzen Gedich- 
ten von nur wenigen Zeilen auszudrücken. Während in unse- 
rer lyrischen Poesie Gedanken und Empfindungen meist in 



18 



vollerem Strom dahinfluthen, scheint der Kunstsinn der Inder 
in ihrem Mittelalter *) gerade an einer gedrängten, pointirten 
Art, den poetischen Gedanken auszusprechen, ein besonderes 
Gefallen gefunden zu haben, und so bildete sich diese' Art zu 
hoher Vollkommenheit aus. Ganz fremd ist sie ja auch uns 
nicht. Sind doch manche der edelsten Perlen unserer Lyrik 
gerade darum so gefeiert, weil sie mit gar wenig Worten, in 
wenigen Zeilen nur den ganzen Gedanken aufs Schönste zum 
Ausdruck bringen. Ich braucheja nur zu erinnern an Goethe' s 
„lieber allen Gipfeln ist Ruh"; an H eine's „Ein Pichten- 
baum steht einsam im Norden auf kahler Höh" ; „Lehn 
deine Wang' an meine Wang'" ; „Aus meinen grossf^n 
Schmerzen mach ich die kleinen Lieder" ; „Ich hab dich* 
geliebt und liebe dich noch"; oder Mirza SchafFy's „Es 
.ragt der hohe Elborus" u. dgl. Gerade diesen kleinen Ge- 
dichten wohnt ein wunderbarer ßeiz inne. Im indischen Mit- 
telalter finden wir — von wenigen Ausnahmen abgesehen ~ 
fast nur solch kleine lyrische Perlen, die bald zu einem 
grösseren Cyklus vereinigt sind (wie z. B. im Amarufataka), 
bald in den dramatischen und epischen Dichtungen eingestreut 
sich vorfinden. Die Inder verschmähen es gleichsam in einem 
lyrischen Gedicht einen vollen Strauss von bunten Blumen zu 
binden; diese kleinen Gedichte sind nur wie einzelne liebliche 
Blüthen, aber sie sind schön, und wer sie im rechten Mond- 
licht zu belauschen weiss, der vergisst sie nicht wieder. 

Diese Gedichte zeichnen sich durch grosse Zart- 
heit, liebevolle Innigkeit und eine feinsinnige Beobach- 
tung des menschlichen Herzens aus ; n i c h t das E r h a "b e n e, 
wohl aber das Schöne und Anmuthige ist hier charak- 
teristisch, dem sich ab und zu ein schalkhafter Humor 
hinzugesellt. Das Bild der indischen Natur enltollt sich hier 
vor unseren Augen ; • der Mango duftet und der Asoka prangt 
im Schmucke der röthlichen Blüthen; blühende Schlinggewächse 
, '. . „ _ • 

*) Einen ganz anderen Charaktet trägt bekanntlich die Lyrik deir 
vedischen Periode. 



19 

klettern an ratenden Bäumen empor, die Waldluft duftet von 
Patalablumen und liebende Mädchen schmücken sich mit Siri- 
schablüthen ; vom fernen Berge wehn die Lüfte mit dem Duft 
der Sandelbäume ; Bienen sunmien um üppige Blüthen, des 
Kokila Gesang erfallt den Hain und bunte Papageien wiegen 
sich auf den Blüthenzweigen ; friedlich weiden die frommen 
Gazellen, majestätisch schreitet der Elephant dahin, und zwi- 
schen den Aesten schaukeln sich muntre AflFen wie verkör- 
perte schalkhafte Gedanken der Natur. Von dieser indischen 
Welt hat keiner unserer Dichter schöner gesungen als Heine. 
Ja, diese Poesie ist selbst ein rothblühender Garten im stillen 
Mondenschein, wo die Blumen sich duftende Mährchen ins Ohr 
erzählen, die frommen, klugen Gazellen vertraulich sich nähern, 

„Und in der Ferne rauschen 
Des heiligen Stromes Weirn." 

Das Bild des Mondes, der die Lotosblume liebt, ist 

Ihnen Allen durch das reizende Heine'sche Lied bekannt: 

* 

„Die Lotosblume ängstigt 
Sich vor der Sonne Pracht," 

Es ist dem indischen Genius abgelauscht; ein ähnlicher 
Gedanke kehrt mehrfach variirt öfters wieder. Nicht minder 
schön ist die Sage von: Asokabaum, dessen rothe Blüthen nur 
dann entspringen, wenn eines schönen Mädchens Fuss sie be- 
rührt Da kommt nun der liebende Jüngling und fragt den 
herrlich blühenden Baum, wohin die Geliebte gegangen: 

„Wie reizend, dn holder Asokabanm, 
* .Deine röthlichen Blüthen prangen! 
sprich, wo ist die Liebste mein.^ 
Wo ist sie hingegangen? 

Dn schüttelst im Winde dein blühendes Hanpt, 
Als wüsstest du Nichts zn sagen, 
Dn holder Asoka, nnd kannst doch gewiss 
Stillen die bangen Fragen. 

Es blühn ja deine blüthen nnr, 
Wenn dich ein Fass gestreifet, 
Ein Foss von der allerschönsten Maid, 
Die liebetränmend schweifet 



26 



Du kdnntest nimmer so voll, so sbhön 
Im Schmücke der ßläthen praDgen, 
Wenn meine Liebste dich nicht beführt — 
dprich, wo sie hingegangen V** *) 

Die schlanken Lianen erinnern den Liebenden an den 
Wuchs der Geliebten, der schüchtern-fromme Blick der Ga- 
zellen zaabert ihm ihre Anmuth vor; im Mondlicht, das auf 
den Wellen spielt, glaubt er ihren Blick wieder zu erkennen, 
und er preist die Geliebte, dass sie , allein all diesen Eeiz 
in sich vereint. 

Die weisse Wasserlilie soll d^r Schlanken, als sie 
ins Wasser stieg um zu bftden, die Anmuth des Lachens 
geraubt haben, die blaue Wasserlilie die Anmuth der Augen, die 
Wasserrose die Anmuth des Antlitzes. (Vgl. Böhüingk. Ind. 
Spr. I. A. 4269. KävyM. 2,274). 

Dann wieder begegnet dem Liebenden , der die Ge- 
liebte suchte der schlanke Flamingo; der schöne Vogel hat 
den leichthinschwebenden graciösen Gang der Geliebten an 
sich, er muss ihn ihr geraubt haben — und sturmisch fordert 
der Liebende von ihm Auskunft ober die Verlorene (Ind. Spr. 
5386. Vikram 96). 

Nidht selten kekrt das Bild wieder, wie die Geliebte, 
über einen Verstoss des Jünglings zürnend, ' sich von ihm 
wegwendet, aber dann unter hervorbrechenden Thränen sich 
rasch wieder mit ihiti versöhnt : ^ Als ihr Groll im Verrauchen 
war und sie ihren Antlitzmond n die Hände drückte, als ich 
alle Mittel schon erschöpft hatte und mir nur nocb die eine 
Zuflucht blieb, mich ihr zu Füssen zu werfen ; da verkündete, 
sie mir plötzlich ihre Gunst dul*ch einen Thränenstrom, der, 
bis dahin in der Höhlutig der eichten Augenwimperspitzen 
zurückgehalten, jetzt an ihrem Bvisen zerstob." (S. Böhtlingk, 
Ind. Spr. I. A. 1720. Aiöar. 21). Und der Dichter sagt: 
Nicht länger darf im Herzen der Jungfrauen in Gegenwart 

•) Vgl. Böhtlingk, Ittd. Sprüche L A«fl. «580. K&vyapr.l05. — 
Die gedrängte Kürze des OrigiflalB liees sich bei der metrischen Ueber» 
tragnng nicht wohl wiedergeben. 



21 

der G^ebten. *der Stob Platz greifen, als bis der reine Früh- 
lingswind mit dem Dufte 'des Sandeis zti ^ehen beginnt. 
(Vgl. Böhtl. Ind. Spr. I. A. 1916, Bhartr. 1, 32. Bohl.). — 
Und wenn das geliebte Mädchen auch einmal zürnt, der muth- 
willige Liebende meint, sie sei nur schöner noch durch die 
ThrÄnen, die ihr der Zorn ins Auge geloctt. — Wie eiKrt ist 
auch 4m Folgf-nde empfunden : „Bei der ersten Beleidigung 
des Gatten weiss das junge Weib, obgleich ihre Glieder in 
heftiger Bewegung sind, ohne der Freundin Unterweisung 
kein stechendes Wort anzubringen ; sie lässt di« Angenlotus 
umherschweifen und kann nur weinen, so dass die hellen 
Thr&nen auf die reinen Wangen stürzen und die beweglichen 
Locken flattern." (S. Böhtl., Ind. Spr. I. A. 3285. Anftar. 
26). — Ein häftfig wiederkehrendes Thema ist ferfter die 
Trennung der Liebende?n, wenn der Jüngling auf Beisen gehen 
müss, wie der deutsche Bursch scheidet von seinem Sehatz, 
wenn er marschiren oder wandern muss. Aber wie so ganz 
anders doch! Hier fleht das Inderdiädchen klagend die 
Göttet an, wenn es npin am TrennungsschiÄefz sterben müsse, 
möge es doch dort wiedergeboren werden, wo der Liebste weilt ! 
Dann wieder zeigt das liebende Mädchen dem Geliebten 
gar zu deutlich ihre Neligung; da nimAit die erfedirene Freun- 
din sie bei Seite und giebt ihr dringend den Raöi, ihr Be- 
nehmen zu ändern. 

n Liebe Freundin, lass Dir ratbeo. 
Darfst Dicht so gefällig sein, 
Thn nur spröde vor dem Liebsten, 
So gewinnat Dn ihn allein. 

Leiehtermngnes schätzt »an wenig, 
Zeige Dq dich niemals schwach, 
Ist er feurig, thüst Du kühle 
Und nnr leise giebst Dn nach. 

Also zum verliebten Mädchen 
Die erfahrne Freandin spricht. 
Doch es ruft die holde Kleine 
Mit erschrecktem Angesicht: 




^ 



stille, stille, liebe Frenndin ! 
Sprich mit keiner Sjlbe fort 1 
Mir im Henen wohnt der Liebste, 
Uod Bo liört er jedes Wort!" *) 

Ein lyrisches Gedieht von grösserom Umfang ist M e - 
idflta, iler Wolki^ri b ote, das Ued einta Verbann- 
ten, der böim Herannühen der Regenzeit die dunlcle Wolke, 
die nach Norden ziehen will, anfleht, seiner Liebe Bote zu 
sein. Mit prächtigen Farben malt er ihr den Weg aua, den 
sie netunen soll, seliildert ihr die Geliebte selbst in ihrem Pa- 
last und sagt ihm endlich seiner Botschaft Inhalt, sein Lieben, 
Sehnen imd Hoffen. — Ein anderes Gedicht, Ritnsanhära, 
enthält eine schrme Schillerung der indischen Jahreszeiten, 
wobei die Liebe nur nebenher ihr Recht tindefc. — Aber die 
prachtvollste Blüthe der indischen Erotü istGitagovinda, 
das Lied von der Liebe des Gottes Kriacbna zu der Hirtin 
Rädhä. Es besteht aus dramatisch angelegten erotischen 
Schilderungen und Ergüssen. Es ist eine üppige tropische 
Blüthe, dieses Gedieht, sinneentzückend und berauschend. In 
herrlich dahinäuthunden, stürmenden, tanzenden Rhythmen, in 
melodisch durch vielfachen Keim an einander sich reihenden 
Worten entfaltet sich hier die ganze Gluth einer Leidenschaft, 
die einer heisseren Sonne ihren Ursprung dankt. '*). 

Dieses Gedicht, mit seinem halbdramatiachen Charakter, 
leitet uns zu der reichentwickelten dramatischen Poesie hin- 
über, welche in ihren wichtigsten Repräsentanten deutlich die 
Züge der Romantik an sich trägt Von der strengen und 
einfachen Anlage des griechischen Dramas, von der Einheit 
in Zeit und Ort, von dem erhaben-ernsten Chore finden wir 
hier keine Spur. In buntem Wechsel reihen sich hier die 
Scenen aneinander, bisweilen Jahre überspringend, bald hier- 



•) Vgl. Üöhtlingk, Ind. Sprüche, I, A. 2215. Ämar, 67. 
KäTjHpr. 37, 

••) Dies Gpdichl irt Tortrefflicb nbersetit von ¥. R ü C k e r t im 
1. DaDde der Zeitschrift für die Kunde des ^orgeukndes, 'Uotlingeo, 
ä37, pBg. 132 flg. 



23 



bald dorthin uns versetzend, ja sogar aus^ der Welt der Men- 
schen wie mit einem Zauberschlage in die himmlische Welt 
hinüberführend. Eine Fülle der verschiedenartigsten Gestal- 
ten zieht an uns vorüber, von den Göttern, Heiligen und Kö- 
nigen bis hinab in die Hefe des Volkes, Jeder die ihm charak- 
teristische Sprache redend, vielfach stark dialektisch nüancirt, 
vom Höchsten, Zartesten und Edelsten bis hinab in die ge- 
meinste Ausdrucksweise, des gewöhnlichen Lebens; der Dialog 
lebhaft und mannigfaltig, die Prosa oft, wie bei Shakespeare, 
in die rhythmisch gegliederte Rede übergehend, um, dann 
wieder zur Prosa zurückzukehren, die dann wieder sich in 
Verse wandelt, oder durch einzelne Gesangspiecen unterbrochen 
wird — Alles je nach dem Bedürfniss und Charakter der ein- 
zelnen Personen und Situationen. Dazu kommt als ein sehr 
charakteristisches Moment die Mischung des komischen Ele- 
mentes mit dem ernsten, so dass wir hier auch in den zarte- 
sten poetischen Schöpfungen den Spassmacher in der Beglei- 
tung des Königs, den kameradschaftlich mit dem Herrscher 
verkehrenden, gar manche Freiheiten sich erlaubenden Vi- 
düschaka, den Shakespeare'schen Narren, nicht vermissen, 
lim Ihnen eine Vorstellung von dem ßeichthum zu geben, 
den der indische Geist auf dem dramatischem Gebiete ent- 
wickelt, will ich einige der hervorragendsten Schöpfungen mit 
ein Paar Worten noch charakterisiren. 

Da ist vor AUefh das romantische Wunder- und 
M ä h r c h e n d r a m a, daä in seinen schönsten Repräsentanten, 
der Sakuntala und ürvasi des Kalidasa, schon in 
ziemlich weiten Kreisen bekannt geworden und zu dessen Be- 
wunderern wir die ersten Geister unserer Nation rechnen 
müssen. Ich müsste befürchten, den Meisten von Ihnen schon 
Bekanntes zu wiederholen, wenn ich auf den Inhalt insbesondre 
der vielbewunderten Sakuntala näher eingehen wollte. 
Aber erlaubt wird es mir doch sein, besonders hervorzuhcrben, 
wie wir in diesen Dramen ausser den schon erwähnten, wich- 
tigen und grundlegenden Zügen noch eine ganze Reihe von 
entschieden romantischen Eigenheiten hervortreten sehen. 



f^y 



34 



Es ^ist ja doch eine Welt, in dei* das Wunder den Herrscher- 
stab fahrt, wo Irdisches und Himmlisches, Menschen, Götter, 
Halbgötter, Nymphen und Heilige durcheinander wogen, wo 
aus den Litften der Wagenlenker des Gottes Indra herabsteigt, 
um den tapfern König zum Kampfe gegen die bösen Dämo- 
nen abzuholen, wo der Fluch eines Heiligen übernatürliche 
Wirkungen ausübt, wo die fliehende Nymphe in dem Zauber- 
hain, den kein Weib betreten darf, plötzlich wie in einem 
Mährchen in eine sich rankende Winde verwandelt wird, um 
später, nach Lösung des Zaubers in den Armen des Königs 
wieder zur geliebten TJrvasi zu werden; eine Welt, die wie 
von einem zartpoetischen Hauche umflossen ist, wo ein süsses 
Sehnen und schwärmerisches Lieben seine Stätte hat, wo der 
Mensch im innigsten Zusammenleben mit Blumjen und Bäu- 
men, niit Gazellen und Vögeln der Wildniss erscheint. Ist 
doch Sakuntala selbst in romantischer Waldeinsamkeit, unter 
den Augen eines frommen Einsiedlers erblüht ; vom Hauche der 
Liebe berührt, üi andere Sphären gezogen, trennt sie sich nur 
mit Schmerzen von der Blume Waldmondschein, die sie ge- 
pflegt, und dem Antilopenjungen, das sie aufgezogen. 

Völlig verschieden hie von und nach ganz anderen Eich- 
tungen hin bedeutend ist ein Drama wie Mritschhaka- 
tikä, das irdene Wägelchen, vom Könige ^ödraka*). Hier 
finden wir nichts von der zarten Blumenpoesie der Sakuntala, 
dagegen entfaltet sich eine dramaifische Kraft und 
Lebendigkeit, eine Menge von Gestalten, die mit kräfüg- 
charakteristiöchen Zügen überzeugend wahr geschildert sind, 
so dass wir das Leben selbst unmittelbar vorx uns zu 
sehen glauben. Es ist wahrhaft Shakespeare'scher Geist, der 
in diesem Stücke waltet, und inmier aufs Neue wird man 
überrascht durch Aehnlichkeiten in dieser Richtung. Die 
ungeheuer reiche, durch eine Fülle von Personen und Ereig- 
nissen gegliederte, von einem Ort zum andern springende 
Action, die lebendige, in unerschöpflichem Reichthum hinspru- 

') Mit bekannter Meisterhaftigkeit üt)ersetzt von 0. Böht- 
lingk, St Petersburg 1877. 



25 

s 

delnde Diction, die Art des entfalteten Humors, der Witze 
und Wortspiele, der komischen Verwechselungen und Verdre- 
hungen Qfinnert uns auf Schritt und Tritt- an den grossen 
Britten. Und unter den Charakteren, wie manche geradezu 
Shakespeare'sche Gestalt sehen wir da vor uns. Da ist 
Sansthänaka, der Schwager des Königs, der der Heldin unsres 
Stückes mit widerwärtiger Zudringlichkeit nachstellt, aber von 
ihr mit Verachtung zurückgewiesen wird; in seiner Plump- 
heit, Eobheit und Euchlosigkeit. gepaart mit fast blödsinniger 
Einfalt, verrückter Prahlerei und jämmerlichster Feigheit ein 
leibhaftiges Ebenbild des Shakespeare'schen Cloten aus Cym- 
beline. Da tritt uns ein Bader entgegen, der Unglück im 
Spiele gehabt hat und in Folge dessen buddhistischer Mönch 
wird, ein Spielhalter und verschiedene andre Spieler, die zu-« 
sammen uns die ergötzlichsten Scenen vorführen; ein Dieb, 
der sein Handwerk mit Humor betreibt uud aufs Ergötzlichste 
über die verschiedenen Arten eines wahrhaft kunstgerechten 
Einbrechens philosophirt, bevor er Hand ans Werk legt; 
zwei Henkersknechte aus der verworfenen Kaste der Tschän- 
däla, die den edlen Brahmanen Tschärudatta hinrictten sollen, 
in denen sich aber doch bei dem grausamen Auftrag die 
Menschlichkeit regt, so dass jeder immer gerne dem andern 
die Vollstreckung zuschieben möchte, ganz wie die bekannten 
Mörder bei Shakespeare, bis endlich der ungerecht Ver- 
urtheilte noch glücldich gerettet wird; Brahmanen von ver- 
schiedenstem Charakter, edle, komische und heruntergekom- 
mene; ein Hirtenknabe, der durch eine Eevolution den Thron 
des Königs besteigt; Kichter, Gerichtsdiener, Schreiber, He- 
tären, Polizeisoldaten, Bedienstete aller Art. 

Den Inhalt des Stückes bildet die Liebe einer reichen 
und vielumworbenen Hetäre zu einem armen aber edlen Brah- 
manen, der früher ein reicher Handelsherr gewesen, aber 
durch zu grosse Freigebigkeit sein Vermögen eingebüsst und 
nun in grösster Armuth lebt. Zum ersten Male von wirk- 
licher Liebe getroflfen, weist die Hetäre die glänzendsten An- 
träge zurück, imi sich schüchtern und zaghaft dem armen, 



26 

von fast allen seinen einstigen Freunden verlassenen Tschä- 
Tudatta zu nähern. Durch solch aufopfernde Liebe geläutert, 
wird sie zuletzt gewürdigt, des Tschärudatta rechtmässige Ge- 
mahlin zu werden, — eine Entwickelung, bei der ich Sie bitte 
zu berücksichtigen, dass wir hier ein Volk vor uns haben, 
in welchem über Liebe und Ehe in vieler Hinsicht andere 
Anschauungen herrschen als bei uns. 

Wir haben endlich eine Schöpfung von wieder vollkom- 
men andrer Art in dem Drama Prabodhatschandro- 
d a j a *) vor uns, d. h. „der Aufgang des Mondes der Er- 
kenntnisse' In diesem Werke, das frühestens zu Ende des 
Xn. Jahrh. p. Chr. entstanden sein dürfte, tritt uns — ähn- 
lich wie bei Calderon — eine ganze Welt allegorischer und 
symbolischer Gestalten entgegen ; das Vorstellungsvermögen, 
die Offenbarung, die Vischnuverehrung, das Nachdenken, der 
Wille, der Verstand, die Eeligion, dei^Irrthum, die Schein- 
. heiligkeit, der Zorn, der Geiz u. s. w., sie alle treten sprechend 
und handelnd auf. Die Tendenz dieses merkwürdigen Dramas 
ist eine Verherrlichung des orthodoxen brahmanischen Glau- 
bens, ähnlich wie die allegorischen Dramen des grossen roman- 
tischen Dichters Calderon den christkatholischen Glauben ver- 
herrlichen sollen ; die Verwandtschaft der indisch-romantischen 
und der christlich-romantischen Eichtuiig liegt hier deutlich 
zu Tage, nur ist im üebrigen Geist und Ton der Calderon- 
schen Dichtungen von unserem indischen Drama ganz ver- 
schieden, und wenn Calderon ausgezeichnet ist durch eine ge- 
wisse erhabene Feierlichkeit und religiöse Weihe, die in seinen 
Schöpfungen waltet, so müssen wir andrerseits dem indischen 
Dichter den Vorzug einer ausserordentlichen dramatischen 
Lebendigkeit zusprechen, mit der er den spröden Stoff be- 
handelt hat. Diese abstracten Begriffe werden uns so geist- 
reich vorgeführt, bewegen sich, handeln und sprechen zum 



*) Eine Uebersetzung davon nebst Einleitung nnd Bemerkangen 
ist herausgegeben von K. Bosenkranz, Prabodhacandrodaya oder 
die'Gebnrt des Begriflb, von Krishna-Mi^ra, Königsberg 1842. (Die 
Uebersetznng stammt aus der Feder Goldstücker*s}. 



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grossen Theil in solcher Weise, dass sie fui* uns zu wahrhaft 
lebensvollen Personen werden, was in der That ein nicht ge- 
ringes Lob ist. 

Die Entwickelung ist in Kürze etwa folgende. Der 
mächtige König Irrthum herrscht in Benares und üppig wal- 
ten unter seinem Scepter alle die Laster, Sclilechtigkeiten und 
Thorheiten der Menschen : die Wollust und die Scheinheilig- 
keit mit ihrem geliebten Gross vater, dem Egoismus, der Ma- 
terialismus, Zorn, Geiz, Ketzerei und alle die andeni, wäh- 
rend die Offenbarung, die rechte Eeligion, die Visclmuverehnmg, 
der Verstand und alle edlen Eigenschaften theils verbannt 
und geflüchtet, theils unterdrückt und geknechtet sind. Aber 
eine Weissagung schreckt das Eeich des Königs Iriihum, dass 
nämlich dereinst der edle König Verstand sich mit der 
misshandelten Offenbarmig vereinen und diese Vereini- 
gung den Irrthum und seine Herrschaft zu Fall brin- 
gen werde. Um dies zu verhindern, giebt nun König 
Irrthum seinen getreuen Vasallen, der Ketzerei, dem Zorn, 
dem Geiz gemessene Befehle, wie sie mit ihrem p]in- 
fluss jenes Vorhaben im Beginn schon unterdrücken sollen. 
Litriguen werden gesponnen; in lebhaftem Spiel sehen wir 
die Gegensätze vor uns sicli entfalten, die ganze Schänd- 
lichkeit der schlechten herrschenden Partei tritt zu Tage; 
Vertreter der falschen Glaubenslehren werden tlieils als rucli- 
los und frivol, theils als lächerlich und niedrig gebrandmarkt. 
Aber auf Seiten der guten Partei finden wir das Nachdenken, 
die Beredtsamkeit, die Leidenschaftslosigkeit, die Religion, die- 
Buhe, das gründliche Urtlieil, die Genügsamkeit, die Geduld, 
das Mitleid und die Schriftgelehrsamkeit. Es kommt zuletzt 
zu einer gewaltigen Schlacht, wo die Sonne ihre Röthe verliert 
und die Luft erschallt von dem Siegesgeschrei der unzähligen 
Kriegshelden, wo die Lehrbücher echter Wissenschaft, verschie- 
dene philosophische Systeme im Verein mit theologischen 
Schriften gegen die Lehrbücher der Ketzer und die Logiken 
der Atheistinn in Kampf rücken, wo der Geist der Krieger 
durch die Veda's, Puräna's, Gesetzbücher und die andern hei- 



ligen Schriften erleuchtet wird, wo das Blut in Strömen 
dichlgereihte Leichen fliesst, bis endlieh in fiirchtbarem Ge-i 
met^el die falschen Lehren niedergeworfen, tliPiLs getsdteli 
werden, theils in die angrenzenden Länder sich flik'ht^TJ 
müssen. Die Geduld besiegt den Zorn und die Zerstöniiigs-J 
sucht ; die Genügsamkeit den Qein,' die Engherzigkeit, Trug,B 
Bosheit, Diebstaiil und Bestechlichkeit; die Milde uiitenrirAT 
die Schraähnng, die Änerkeiinnng fremder Verdienste zerstörij 
den Hoelunuth u. s. w. Das Vordtelliingsvermi^en , welche J 
über die Besiegung seiner theuren Söhne, Stolz, Haas, Hoch-J 
mnth und der andern, bittre Thränen weint, wird von dem 
Beredt-samkeit beruhigt und bekehrt. Die VermShlung dea 
Königs Verstand mit der Offenbarung kommt wtrklieli 
Stande, mid dieser Vereinigung entspringt die richtige Er-I 
kenntnisa, welche von dem Urgeist selbst freudig begiüss« 
und gepriesen wird. 

All diese verschiedenen, von mir nur skizzenhaft cha-l 
rakteriairten, Schöpfungen des indischen Geistes, die, eine jedJ 
in ihrer Art, in die mittelalterlich-romantische Welt hincin-j 
gehören, werden Ihnen vielleicht eine Vorstellnng davon 
weckt haben, wie viel des Schönen, des Merkwürdigen unil 
Interessanten hier zu finden ist. Müssen wir auch für Indien, dan 
Kaiserreich unter englischem Scepter, gegenwärtig das roman-J 
tische Zeitalter als überwunden ansehen, wird aucli die neuel 
Zeit hier immer mehr imd immer mächtigere staatlictie undfl 
sociale Umwälzungen hervorrufen, doch wird das Reich der« 
indischen Bomantik nie zu Grunde gehen, sein wunderbaretj 
, Beiz sichert ihm ein unvei^änglichea Dasein , und es t 
weiterleben in den Gemüthern der Menschen.